Maike Rosa Vogel

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Maike Rosa Vogel

Beitrag von micha1909 am Di Jan 10, 2012 10:55 am

Ihren Liedern wohnt eine Kraft inne, die aufrüttelt, zum Weinen bringt und den Willen wachruft, ab sofort ein "echtes" Leben zu führen. Noch kennt kaum jemand die Berliner Folksängerin Maike Rosa Vogel, die gerade ihr zweites Album "Unvollkommen" veröffentlicht hat und auf Konzertreise durch Deutschland ist. Doch das sollte sich ändern.
Maike Rosa Vogels Vita liest sich wie ein Popmärchen: Es war einmal ein Mädchen aus Frankfurt, das so unglücklich war, dass es mit 14 die Schule abbrach und sich mit Aushilfsjobs über Wasser hielt. Doch von einem Radiobericht wachgerüttelt, ging sie in die Provinz, studierte Popmusik und fand ihr Glück als Künstlerin. Rein äußerlich betrachtet, ist Maike Rosa Vogel das, was Punks oder Rockabilly-Kids als Normalo bezeichnen würden. Doch dieser Eindruck verfliegt unmittelbar, sobald sie anfängt zu singen und sich dabei selbst mit der Gitarre oder dem Klavier begleitet.
Die Lieder, die sie auf der Bühne im Wechsel sanft hauchend, leise schreiend und mit fragil zittriger Stimme vorträgt, enden lakonisch. Als ginge es ihr nur um ein Statement, das sie mal eben loswerden wollte. Nach jedem Stück sagt sie lächelnd "Danke schön", macht ein paar Schritte zurück, trinkt einen Schluck aus der Wasserflasche, streicht sich durch das stufig geschnittene Haar, stimmt hin und wieder ihre Gitarre nach.
Zum Interviewtermin in einem Wiesbadener Oma-Café hat Maike Rosa Vogel wenige Stunden zuvor auf einem Empire-Plüschsessel Platz genommen, von der Decke hängen Kristallleuchter, eine Kellnerin mit Spitzenhäubchen bringt ihr einen heißen Kakao mit Sahne. "Ich betrachte mich als Pionier", erzählt sie. Sie muss laut sprechen, um den Johann-Strauss-Walzer zu übertönen, der in Endlosschleife aus den Lautsprechern dröhnt. "Ich will auf der Bühne das machen, was die Amerikaner und die Engländer schon seit Jahrzehnten machen - nur eben auf Deutsch."
"Ich habe immer schon Folk gemacht", fährt sie fort, "aber eine lange Zeit konnte man sich nicht allein mit Gitarre auf die Bühne stellen. Das wollte keiner sehen." Das ändere sich gerade. Der meiste gute Folk komme zwar aus England oder den USA, aber für sie seien deutsche Texte das Normalere, sagt sie und erzählt von früher, als sie mit ihren Eltern Volkslieder und politische Lieder gesungen hat. "Musikliebhaber, die den ganzen Plattenschrank voller Indie-Alben haben, hören Songs mit deutschen Texten aus Prinzip nicht", sagt sie - und genau deshalb singe sie auf Deutsch. Sie lacht über ihren Trotz. Darauf angesprochen, ob es dann nicht ein Widerspruch sei, dass sie auf ihrem Anfang April erschienenen zweiten Album "Unvollkommen" ganze Passagen auf Englisch singt, sagt sie: "Nein, ich tue das, weil es besser klingt oder sich der englische Text nicht übersetzen lässt."
Maike Rosa Vogel, 1977 in Frankfurt am Main geboren, wuchs in einem 68er-Elternhaus auf. Im Plattenspieler drehten sich die Protestlieder von Franz Josef Degenhardt und Wolf Biermann. Ihren zweiten Vornamen haben ihr die Eltern aus Verbundenheit zu Rosa Luxemburg gegeben - und nicht etwa, weil ihre Eltern ihn schön oder poetisch gefunden hätten, erzählt sie. "Sie haben uns alle Freiheiten gelassen und geglaubt, wir Kinder entwickeln sich schon irgendwie." Rückblickend hält sie diese Auffassung für falsch und will es bei ihrer eigenen, zweieinhalbjährigen Tochter besser machen. "An meinen Eltern habe ich mich ganz schön abgearbeitet." In der Pubertät habe es richtige Probleme gegeben. Sie schmiss mit 14 die Schule, gründete ihre erste Band, jobbte als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier, bis sie sich mit aller Kraft in die Bewerbung für die Popakademie Mannheim stürzte. "Es ist das erste Mal gewesen, dass ich etwas unbedingt wollte."
2007 zog es sie nach Berlin. Ein Jahr später folgte ihre Liebeslieder-Platte "Golden", eine Sammlung chansonesker Songs, die Maike Rosa Vogel gemeinsam mit dem Musiker Konstantin Gropper zu Hause aufgenommen hat. Aufgefüllt sind die Lieder mit elektronisch verzerrten Gitarren-Riffs, Streicherpassagen, Hammondorgeln - etwa im Titel "So hab ich dich bei mir", in dem sie so traurig über Trennungsschmerz singt, dass es kaum auszuhalten ist. Ihre leicht entrückte, manchmal etwas schnodderige Stimme erinnert bisweilen an Hildegard Knef, manchmal auch an Björk, Maike Rosa Vogels großes Vorbild.
Im Vergleich zu "Unvollkommen" ist "Golden" die gefälligere Platte. Sie taugt problemlos als Soundtrack fürs nebenbei Hören, im Gegensatz zum zweiten Album, das aufmerksames Zuhören fordert. Der unplugged-Klang des von Sven Regener produzierten Albums, verziert hier und da mit elegischen Element-of-Crime-Trompeten und Mundharmonika-Einlagen, lenkt die Aufmerksamkeit auf den Text. "Wer wahr sein will, muss wissen, das da draußen ist das Falsche", singt sie im schnellen Song "Die Mauern kamen langsam". In "Liebe gemacht" hält sie ein Plädoyer wider die Abgedroschenheit der sexualisierten Welt, und der Song "Das mutigste Mädchen der Welt" erklärt Selbstakzeptanz inklusive aller Makel für das höchste Gut. Das Ganze trägt sie in Arbeiterliedmanier mit einer Stimme vor, die keine Versagensängste kennt.
"Ich hab ja immer alles autodidaktisch und ein bisschen dilettantisch gemacht. Und ich fand das auch gut", erzählt Maike Rosa Vogel, deren gelegentlich eingestreute Stimmunebenheiten nichts mit Unvermögen zu tun haben, sondern gezielt platziert sind. Sie verbscheut das Streben nach Perfektionismus und hat wohl auch deshalb ihr Album "Unvollkommen" genannt. "Ich glaube, dass jeder perfekt sein will, und jeder will auch, dass seine Arbeit perfekt ist. Das ist was ganz Fieses. Weil letztendlich alles auf so ein langweiliges Ergebnis hinsteuert und keiner sich mehr so mag, wie er ist."
Ihre Kritik zielt auch auf unser durch Modemagazine kolportiertes Schönheitsideal ab. "Das ist hinterhältig gegenüber ganz jungen Frauen, die das gar nicht filtern können und die dann mit so einem Gefühl vollkommener Unzulänglichkeit groß werden." Maike Rosa Vogel blickt dabei aus ihren wachen blau unterschatteten Augen. Kein Make-Up, alles ist echt. Echt und "wahrhaftig" zu sein, ist der Überbau ihres Künstlerkosmos.
Die Hamburger Band Tocotronic, die habe sie deshalb geliebt. "Die sind ja sowas von unvollkommen. Ich fand das damals so toll, dass die alle nicht wirklich Instrumente spielen konnten, nicht wirklich singen konnten. Sowas kann auch Leben retten, dass die so sein konnten, wie sie wollen, und jeder mochte sie," erzählt die Musikerin. Und genau das ist es, was sie antreibt. "Ich versuche immer, echt zu sein. Und wenn sich die Leute davon angesprochen fühlen, wenn es sie berührt, dann fällt es ihnen vielleicht auch leichter, echt zu sein und Sachen zuzulassen."

Rachel Schröder
ard.de/kultur



Diskographie

2008: Golden (Salon Mondial)
2011: Unvollkommen (Our Choice)


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