Bosse

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Bosse

Beitrag von micha1909 am Di Jan 10, 2012 11:01 am

Poprock aus Braunschweig - das konnte, das musste schief gehen. Nicht nur für Axel Bosse selbst kann das Gras gar nicht schnell genug wachsen über seine Ex-Band Hyperchild. Jugendsünden wie das "Wonderful Life"-Cover, mit dem die Erstband zweifelhaften Ruhm erlangt, sollen hier nicht Thema sein. Stattdessen richtet sich der Scheinwerfer auf Herrn Bosse in solo und sein gleich benanntes Deutschrock-Ding.
Wobei das Debütalbum "Kamikazeherz" ziemlich viel Licht schluckt, so dass es schon Halogen und einige tausend Watt sein dürfen. Gute-Laune-Musik machen schließlich schon genug andere, weswegen Axel sich in weiten Teilen auf Gesellschaftskritik verlegt. Bei ihm explodieren Herzen, während Stadtastronauten über Müllkippen hinweg jagen. Frische impulsive Lyrics, die wohl tun in der Flut der mediokren Deutschsing-Acts.
Die musikalische Backing-Band besteht übrigens aus Uncle Ho- und Heyday-Mitgliedern, rockt also recht brettig daher. Bosse bleibt dennoch stets im (erweiterten) Poprahmen. Die Fehlfarben zitiert er, und auch ein fiependes Duett mit Paulas Elke Brauweiler findet sich auf der Platte.
Entstanden sind die abwechslungsreichen Songs zwischen New Wave, Grunge und epischem Rock unter der Sonne Valencias. Dort gönnte sich der heute in Berlin lebende Romantiker eine ausgiebige Pause nach dem Aus der Jugendband, ließ die Seele sprichwörtlich baumeln und sammelte Ideen für ein Soloprojekt. Zurück in hiesigen Gefilden geht er mit Guano Apes-Produzent Wolfgang Stach ins Studio und verewigt sich mal eben mit einem Dutzend Stücke. Ganz ohne Druck.
Die rebellische erste Single "Kraft" ist das Resultat. Bosse ergattert vom Start weg Spitzenplätze in den Playlisten von 1Live und Radio Fritz - Capitol erkennt Axels Potenzial zuerst und nimmt ihn unter Vertrag. Die Single kommt wenig später auch in die Plattenläden der Republik. Bosse geht mit Such A Surge auf Tour, und wieder passiert alles ganz schnell: Gerade noch von den begeisterten Fans per Zugabe verabschiedet, verpasst der gebürtige Berliner seinen Songs den letzten Feinschliff, und im April geht "Kamikazeherz" in die CD-Presse.
Ob Bosses Luft länger vorhält als die Deutschrockwelle? Tief durchatmen und sich erholen kann er vorerst vergessen. Das sieht das Label ganz ähnlich und veröffentlicht schon wenig später "Guten Morgen Spinner". Wieder erzählt der Neuhamburger Geschichten aus dem Alltag, von Sehnsüchten und Verlierern, dem kleinen Glück zwischen Gartenzwergen und dem großen Gefühl des Aufbruchs.
Und dann kommt sie doch, eine lange Atempause. Zweieinhalb Jahre braucht Bosse um endgültig zu sich selbst zu finden. Er trennt sich von seinem Label EMI, bastelt an neuen Songs, komponiert für Kollegen wie Kim Frank und betätigt sich als Produzent. Inspiration findet er auf zahlreichen Reisen. Der umtriebige Künstler pendelt zwischen Hamburg und der Türkei, wo seine Frau, eine erfolgreiche Schauspielerin, und die Tochter leben. In Unplugged-Konzerten lernt er die Reduktion des Klangkostüms zu schätzen.
So nistet sich der Musiker einige Zeit später im Wohnzimmer des renommierten Produzenten Jochen Naaf ein, der schon PeterLicht und Polarkreis 18 mit einem Spannenden Sound ausstattete. Gemeinsam werkeln sie am dritten Album. "Taxi" soll vor allem Mut machen, jenseits sämtlicher Klischees und Sparten, erklärt der Songwriter.
"Vereinfachen!", proklamieren Axel Bosse und Deutschrock-Kollege Sebastian Madsen im Duett. Mit sanfter Klavierbegleitung und trivialem Ohrwurm-Refrain beschwören sie die Selbstbesinnung inmitten des Glitzerpomps der Stadt. Wunderbar, wie hier Form und Inhalt Hand in Hand gehen: Nur wer sich das Wesentliche verinnerlicht, findet in all dem Trubel ein erfülltes Leben. "Denn Liebe ist leise, und alles hier ist laut", wie es an anderer Stelle treffend heißt.
Im "Taxi" nimmt sich der Hamburger Songschreiber eben dieses Credo zu Herzen. Er hat lange pausiert, intensiv an seinen Stücken gefeilt, Unplugged-Gigs gespielt und in der Reduktion den Weg zu sich selbst gefunden. Die wuchtigen Rockbretter der beiden Vorgänger klingen hier nur noch verhalten an, stattdessen dominieren Akustikgitarren, Piano und Streicher. Dieser Authentizitäts-Gestus lehnt sich durchaus an Melancholie-geprägte Kollegen wie Kettcar und PeterLicht an. Er prägt das Werk und jeden der zwölf Titel.
"Du hast nicht viel Gepäck, nur ein paar Träume. Das Gegenteil von Ballast sind drei alte Freunde. Und die Aussicht ist gut, und der Sommer kommt wieder. Die Mädchen der Stadt verlieren ihr Wintergefieder." So positiv wie in "Du Federst" klingt Bosse nicht immer. Sanfte Melancholie beherrscht das vierte Album des Hamburgers. Aber zwischen den Zeilen schwingt immer ein großes Stück Hoffnung mit.
Der Songwriter beobachtet das Leben sehr genau und gibt es ebenso genau wider. Was er sagt, stimmt irgendwie. Es fühlt sich einfach richtig an. Wenn Bosse von Liebe, Schmerz, dem Leben, der Zeit oder dem Zufall singt, wirkt das nicht abgedroschen und klischeehaft, sondern einfach nur schön und sehr intim. Bosse wählt mit viel Bedacht die richtigen Worte. "Nur das Glück kennt die Zeit nicht. Der Augenblick kennt kein gut und schlecht."
Bosse klingt genauso melancholisch wie schon auf "Taxi". Moll-Akkorde, Streichermelodien und Piano dominieren die Platte zu weiten Teilen. Fast schon wie Coldplay baut er hymnenhafte Popsongs mit großen und eingängigen Melodien. Die Stadion-Mentalität der Briten erreicht er freilich nicht, dafür aber eine geborgene Wohnzimmer-Atmosphäre. Man fühlt sich wohl, möchte einfach nur da sitzen, sein Bier trinken, zuhören und zu den Texte bejahend nicken. Das ist es, genauso fühlt es sich an, denkt man dann.
Immer wieder beschleicht einen das Gefühl, hier singe Clueso. Und tatsächlich sind sich die beiden sehr ähnlich. Die ruhige Stimme, die Stimmung und zum großen Teil auch die poppige Musik. Bosse fällt aber ein gutes Stück rockiger aus als der Erfurter. Da dürfen die Gitarren ruhig ein bisschen verzerrt sein und das Schlagzeug nach vorne treiben. Wer Clueso gern hat, liegt bei Bosse aber definitiv nicht falsch.
Der Hamburger verbindet Text und Musik fast perfekt miteinander. "Roboterbeine" stampft genauso automatisch wie der Protagonist im Song. "Du Federst" schwingt fröhlich groovend im Shuffle-Rhythmus. Und wenn sich in "Yipi" ein Paar wieder versöhnt hat und gemeinsam "Yipi Ya Yeah" singt, ist das nicht fröhlich ausgelassen. Es ist eher zaghaft zurückhaltend, weil man einfach noch zu große Angst hat, die Probleme könnten wieder kommen.
"Wartesaal" hat, was es so selten in der Casting-verseuchten Pop-Welt gibt: Ehrlichkeit, Intimität und Gefühl.

Quele: laut.de

Diskographie

2005 – Kamikazeherz
2006 – Guten Morgen Spinner
2009 – Taxi
2011 – Wartesaal


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